Hildesheim - Seit Monaten verunsichern wechselnde Information zum geplanten neuen Gebäudeenergiegesetz (GEG, umgangssprachlich: Heizungsgesetz) viele Menschen in Deutschland. Der Streit um die Gestaltung bestimmte die politische Debatte auch innerhalb der Regierungskoalition, halbgare, unvollständige oder sogar falsche Informationen sorgten für zusätzliche Verwirrung. Inzwischen ist klarer, was das neue Heizungsgesetz bringt – doch was heißt das für die Bürgerinnen und Bürger? Darüber sprach die HAZ mit Florian Paasch-van Treel, Schornsteinfegermeister, Energieberater und Heizungsbaumeister aus Hildesheim.
Herr Paasch-van Treel, Sie sind Schornsteinfeger, aber auch als Energieberater tätig. Gehen Sie derzeit in Anfragen unter?
Das kann man schon so sagen. Die Nachfrage nach Beratung ist enorm gestiegen, schon in den vergangenen anderthalb bis zwei Jahren. Aber seitdem das sogenannte Heizungsgesetz die Debatte bestimmt, hat sich das noch einmal vervielfacht.
Worum geht es bei den Anfragen? Nur um die Heizungen?
Nein, nicht nur. Oft sind es Immobilienbesitzer, die zum Beispiel Fenster austauschen oder das Dach neu dämmen wollen, und die sich auch über Fördermöglichkeiten informieren wollen. Das sind ja auch wichtige Elemente zur Senkung des Energieverbrauchs und damit auf dem Weg zur Klimaneutralität. Aber klar, zuletzt ging es vor allem um die Heizungen selbst.
Wie erleben Sie die Kunden bei dem Thema?
Viele Leute haben Angst bzw. sind verunsichert. Das sind nicht unbedingt nur die Besitzer von Einfamilienhäusern, sondern ein typisches Beispiel ist auch der Besitzer eines Mehrfamilienhauses für seine Altersvorsorge. Der steht jetzt vor der Herausforderung, vielleicht bald eine sechsstellige Summe investieren zu müssen. Zugleich hat er aber ein gutes Verhältnis zu seinen Mietern und will diese nicht zu sehr belasten.
Ist ein Grund für die Angst auch, dass viele Falschinformationen kursieren – etwa die, dass nächstes Jahr alle Gas- und Ölheizungen herausgerissen werden müssen, obwohl das nie geplant war?
Ja, klar. Die Politik hat natürlich in den vergangenen Monaten auch immer wieder neue, unterschiedliche Wasserstandsmeldungen herausgegeben. Einige Kunden verfolgen das intensiv und sind sehr gut informiert, aber viele eben auch nicht so. Die meisten kann man mit ein bisschen Aufklärung auch wieder ganz gut beruhigen. Aber diese Aufklärung muss eben auch jemand leisten. Ich hätte da nochmal ein Beispiel dafür ...
... gern!
Es kommt öfter vor, dass in einem Mehrfamilienhaus vielleicht sieben ein bis fünf Jahre alte Gas-Etagenheizungen installiert sind und eine, die ist über 30 Jahre alt. Dann muss man ja nicht alle austauschen, sondern eben nur die eine. Und das ist dann auch nicht so kostspielig, zumal es ökologisch auch nicht sinnvoll sein kann, nagelneue Heizgeräte zu verschrotten. Das ist vielen Menschen aber so nicht bewusst.
In diesem Fall würden Sie also zur Anschaffung einer neuen Gas-Etagenheizung raten, auch wenn die spätestens 2045 schon durch die EU-Vorgaben nicht mehr betrieben werden darf?
Ja, im Einzelfall kann das für den Übergang die beste Lösung sein, wie eben in diesem Beispielfall. Der Immobilienbesitzer verschafft sich einen Puffer und kann dann zu einem sinnvollen Zeitpunkt die Heizung des ganzen Hauses umstellen. Grundsätzlich kann man den Einbau neuer Gas- und Ölheizungen aber nicht mehr empfehlen.
Genau das machen aber viele oder haben es schon gemacht: Schnell vor 2024 noch eine Gas- oder Ölheizung einbauen lassen, um Ruhe zu haben. Ein Fehler?
Ja, ich merke, dass das deutlich zunimmt, wir Schornsteinfeger nehmen die neuen Heizungen ja ab. Ein Fehler? Man muss immer die individuelle Situation sehen, und ob es zum jeweiligen Zeitpunkt auch sinnvolle Alternativen gibt, aber ich würde im Zweifelsfall schon von Panikaktionen abraten und empfehlen, erst einmal abzuwarten.
Viele Menschen hatten und haben den Eindruck, sie hätten die Zeit zum Abwarten nicht.
Das meinte ich vorhin. Diese Verunsicherung ist enorm. Aber das Gesetz ist zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht verabschiedet und wir haben bis jetzt schon gravierende Veränderungen in den Entwürfen erlebt. Und auch nach der Verabschiedung wird es sicherlich noch viele offene Fragen geben, da ja nur erstmal so genannte „Leitplanken“ verabschiedet werden. Deshalb bleibe ich dabei. Wenn möglich abwarten, was am Ende wirklich und im Detail festgelegt wird. Keine Panikkäufe, nicht voreilig den Bausparvertrag auflösen! Und ganz wichtig: Fachleute zurate ziehen!
Die haben kaum Zeit.
Ja, es ist eng. Aber die Wartezeit sollte man in Kauf nehmen. Es geht um eine große Investition für mindestens 20 Jahre. Ich habe inzwischen genug Anlagen gesehen, bei denen man gemerkt hat: Die Leute haben sich nicht die Zeit genommen, wirklich analysieren zu lassen, was für ihr Haus konkret die beste Gesamtlösung ist. Es gibt natürlich auch Anbieter, die diese Verunsicherung ausnutzen, schnelle und einfache Lösungen versprechen, die betreffende Immobilie aber überhaupt nicht selbst in Augenschein nehmen. Das ist kein guter Weg. Zumal das Gesetz nun in einem wichtigen Punkt geändert wird.
Sie meinen die zentrale Rolle, die die Wärmeplanung bekommen soll?
Genau. Das finde ich übrigens sehr gut. Die meisten Kommunen haben bis 2028, größere wie Hildesheim bis 2026 Zeit, eine solche Planung vorzulegen. In einigen Jahren sollte also Klarheit herrschen, wo Nah- oder Fernwärme-Anschlüsse vorgesehen oder möglich sind. Vielleicht sehen wir dann auch klarer, wie es mit Wasserstoff aussieht.
Wärmepumpen hatten im ersten Gesetzentwurf eine überragende Rolle und jetzt immer noch eine wichtige. Richtig oder falsch?
So pauschal kann man das nicht sagen. Gut ist auf jeden Fall, dass das Gesetz jetzt technologieoffener ist. Das halte ich wirklich für ganz wichtig, weil Gebäude nun einmal auch sehr individuell sein können. Und wir reden über einen längeren Zeitraum, da kann auch im Bereich Forschung und Entwicklung noch viel passieren. Deshalb finde ich es richtig, sich nicht zu stark auf eine Technik festzulegen. Richtig ist aber auch, dass Wärmepumpen für viele Gebäude sehr wohl gut geeignet sind.
Eine Gruppe, die sehr besorgt ist, sind ältere Menschen mit alten, oft nicht gut gedämmten Häusern. Die können sich schon die Wärmepumpe kaum leisten und deren Betrieb dann erst recht nicht, weil der Energiebedarf enorm ist.
Diese Sorgen sind berechtigt. Ich kann schwer einschätzen, wie viele Haushalte das tatsächlich betrifft. Aber diese Situation gibt es, und da muss man ganz klar sagen: Die Wärmepumpe ist eben nicht für jedes Haus die beste Lösung. Wenn jemand das behauptet, ist das falsch.
Auch alte, schlecht isolierte Häuser müssen beheizt werden.
Auch hier gilt, dass die Eigentümer sich ausführlich vor Ort beraten lassen sollten, was man machen kann, welcher Schritt welche Vorteile bringt. Gerade in solchen Fällen finde ich aber auch längere Übergangsfristen und zielgerichtete und sozialverträgliche staatliche Unterstützung wichtig. Auch dafür gibt es ja jetzt großzügigere Pläne als bislang. Wissen Sie was?
Was?
Viele Menschen sind ganz offen dafür und gern bereit dazu, klimafreundlicher zu heizen. Wir müssen aber aus diesem Gefühl des absoluten Zugzwangs rauskommen. Der erzeugt Überforderung, und das lässt sich ja auch aus Wahl- und Umfrageergebnissen herauslesen.
Viele Unternehmen werben derzeit mit der Kombination aus Photovoltaik-Anlage und Wärmepumpe und sagen, man könne sich den nötigen Strom selbst erzeugen und müsse deshalb auch die Stromkosten nicht fürchten. Doch die Wärmepumpe wird vor allem im Winter gebraucht, wenn die Photovoltaik am wenigsten Strom liefert. Ist das nicht ein bisschen schief oder sogar unseriös, dieses Modell anzupreisen?
Unseriös würde ich jetzt nicht sagen, auch wenn bei vielen Leuten tatsächlich der Eindruck entstanden ist, mit Photovoltaik und Wärmepumpe seien sie autark. Aber arg verkürzt ist es schon. Auch hier gilt es natürlich, das einzelne Haus zu betrachten. Wie groß kann die Photovoltaik-Anlage sein, wie viel Strom liefert sie, wie viel wird im Haus verbraucht und wann, gibt es einen Speicher? Das muss man im Einzelfall klar darlegen. Die Photovoltaik kann bei Wärmepumpen schon einen wichtigen Beitrag zur Stromversorgung leisten. Man darf aber sicher nicht pauschal so tun, als würde sie den Strombedarf der Heizung komplett abdecken.
Unklar ist, welche Rolle Wasserstoff für das Heizen künftig spielen kann. Es gibt Experten, die sagen: gar keine – was da ist, wird für die Industrie gebraucht. Es gibt aber auch welche, die sehen im alten Erdgas- schon das neue Wasserstoffnetz. Was stimmt?
Da geht es mir wie Ihnen, da sitze ich auch zwischen den Stühlen. Es gibt für beide Sichtweisen nachvollziehbare Argumente. Das ist aber auch einer der Gründe, warum ich die größere Technologieoffenheit im neuen Gesetzentwurf begrüße. Wir wissen jetzt noch nicht wirklich, wie viel Wasserstoff wann und zu welchem Preis zur Verfügung stehen wird.
Wenn immer mehr Menschen mit Wärmepumpen heizen – was heißt das eigentlich für Ihren Berufsstand? Die Leute brauchen dann ja gar keine Schornsteinfeger mehr.
Eine berechtigte Frage. Auch unser Beruf wird sich wie schon in den letzten Jahrhunderten wandeln müssen, muss sich sozusagen mit der Energiewende transformieren. Unsere Kernarbeit hängt an fossilen Heizungen, deren Zahl wird in den nächsten Jahren drastisch sinken. Neue Aufgaben könnten zum Beispiel Effizienz-Checks bei Wärmepumpen sein, auch das Überprüfen von Lüftungsanlagen wird durch die immer dichteren Gebäude relevanter werden.
Was noch?
Wir können die sein, die den Behörden weiterhin neutral die Übersicht liefern, wie viele Heizungen egal welcher Art eigentlich wo betrieben werden, wie deren Altersstruktur und Heizleistung ist. Denn nur mit solchen Daten ist ein langfristiges Monitoring der Energiewende und eine verlässliche Energie- und Wärmeplanung von morgen möglich. Auch die Betrachtung der ganzen Gebäudehülle kann eine künftige Aufgabe sein, überhaupt die Energieberatung. Hier kann der Schornsteinfeger mit seinen bundesweit 200.000 täglichen Kundenkontakten ein positiver Begleiter hin zu einem CO2-neutralen Gebäudebestand zusammen mit dem Gesamthandwerk und den Energieberatern werden.
Kommen Sie mit einigem davon nicht den Sanitär- und Heizungstechnikern in die Quere?
Das glaube ich nicht. Das SHK-Handwerk wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten durch die Heizungswende ohnehin intensiv ausgelastet sein, zudem leiden wir alle an Nachwuchs- und Fachkräftemangel. Ich denke eher, dass wir die ohnehin schon gute Zusammenarbeit weiter ausbauen müssen, um diese Mammutaufgabe zu meistern. Schornsteinfeger wird es auch in 30 Jahren noch geben.
Beratungsangebote in Hildesheim
Beratung suchen, die individuelle Situation der jeweiligen Immobilie von einem Fachmann analysieren lassen: Dazu rät der Hildesheimer Energieberater und Schornsteinfeger-Meister Florian Paasch-van Treel ganz dringend. Doch wo lässt man sich am besten beraten? Wer hat überhaupt Zeit? Und wer die Kompetenz?
In Hildesheim seit Jahren etabliert ist zum Beispiel das Energieberatungszentrum (EBZ) in der Osterstraße 12A. Dessen Chef Frank Melchior kam sich zwar in den vergangenen Monaten nach eigenem Bekunden teilweise vor wie ein Therapeut, wenn er verzweifelte Hausbesitzer am Telefon hatte. Und natürlich sind er und seine Mitarbeiter im Moment extrem gefragt. Doch, und das gilt wohl auch für alle anderen Beratungsangebote: Fachleute wie Florian Paasch-van Treel betonen, dass man sich lieber die Zeit nehmen sollte, anstatt vorschnelle Entscheidungen zu treffen. Und Jörg Bokelmann, Obermeister der Sanitär- und Heizungsinnung Hildesheim, eist darauf hin, dass Hausbesitzer durch den neuen Entwurf des Heizungsgesetzes tendenziell weniger Zeitdruck haben, als es zunächst schien.
Energieberatung bietet auch die Klimaschutzagentur des Landkreises Hildesheim an, zudem gibt es zahlreiche freie Energieberater. Sie analysieren nicht nur einzelne Gebäude, sondern können auch Tipps und Hinweise zu potenziell nutzbaren Förderprogrammen geben. Wobei die im neuen Heizungsgesetz beabsichtigten Zuschüsse noch nicht beschlossen sind – er sie nutzen will, muss das Inkrafttreten also abwarten.
Die Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen bietet – vom Land finanziert – kostenlose Energieberatungen über lokale Fachleute an. In diesem Programm macht zum Beispiel auch Florian Paasch-van Treel mit. Allerdings sind auch hier die Termine limitiert. Einen Versuch sei es aber allemal wert, betont der Hildesheimer.
Gute Ansprechpartner sind natürlich auch die Heizungs- und Sanitärbetriebe in der Region, zumal diese den Vorteil haben, die Immobilien ihrer Kunden oft seit Jahren zu kennen. Wichtig ist aber eine ganzheitliche Betrachtung, also zum Beispiel auch zum Thema Dämmung.
Sicher ist, dass man in den meisten Fällen Geduld braucht, um einen Ortstermin zu bekommen. Doch diese Wartezeit könnte gut investiert sein. Bei einer neuen Heizung geht es schließlich üblicherweise um eine Entscheidung für die nächsten Jahrzehnte.
Folge 1 der Heizungsserie: HAZ-Serie zum Heizungsgesetz und den Folgen für Hildesheim: Was soll gelten – und was nicht?
Folge 3: Technik, Kosten, Abstände, Stromnetz: Was Sie über Wärmepumpen wissen müssen
Folge 4: Heizen mit Gas: Auch im Raum Hildesheim wollen viele daran festhalten – doch ist das klug?
Folge 5: Das sagen die größten Vermieter in Stadt und Kreis Hildesheim zur Zukunft des Heizens
Folge 6: Kommunale Wärmeplanung: Wo steht meine Kommune im Kreis Hildesheim?


