Hildesheim - Viele Menschen wollen sich möglichst noch in diesem Jahr eine neue Gasheizung einbauen lassen, auch wenn es vielleicht die alte Anlage noch tut: Dieser Eindruck vieler Sanitär- und Heizungsbetriebe in der Region lässt sich mit Zahlen unterlegen. 1140 Gasheizungen wurden im gesamten Vorjahr in der Stadt Hildesheim ausgetauscht, weil sie zu alt oder kaputt waren. Mitte Juni dieses Jahres waren es bereits wieder 750, wie die EVI Energieversorgung Hildesheim auf HAZ-Anfrage berichtete.
Vom Umweltschützer zum Umweltsünder?
Inzwischen gibt es allerdings offenbar eine leichte Entspannung. Nachdem der neue Entwurf des Heizungsgesetzes bekannt wurde, der durch die kommunale Wärmeplanung bis 2026 und 2028 Immobilienbesitzern mehr Zeit einräumt, „haben inzwischen einige Kunden, die schnell neue Gasheizungen einbauen lassen wollten, ihre Aufträge wieder storniert“, berichtet Jörg Bokelmann, Obermeister der Sanitär- und Heizungsinnung Hildesheim. Aufträge gebe es allerdings immer noch genug – und es sei nicht immer sicher, wann die nötigen Geräte für welche Order geliefert werden können.
Seit Jahrzehnten ist Erdgas in Stadt und Landkreis Hildesheim wie auch in vielen anderen Regionen Deutschlands, vor allem im Norden, der wichtigste Brennstoff. Weit mehr als die Hälfte aller Hildesheimer nutzt ihn. Im Netzgebiet der Avacon AG, zu dem auch der gesamte Landkreis außer Hildesheim selbst gehört, werden 63 Prozent aller Heizungen mit Erdgas betrieben. Ende des vergangenen Jahrhunderts rissen sich Kommunen und Ortschaften förmlich darum, vom Sarstedter Avacon-Vorgänger Landesgas an das Erdgasnetz angeschlossen zu werden. Günstiger, durch Leitungen statt Tanks einfacher zu bekommen und obendrein noch umweltfreundlicher – diese Argumente überzeugten Zehntausende Hausbesitzer.
Torschlusspanik
Der Umweltaspekt ist nun derjenige, der das Ende des Erdgas-Zeitalters einläuten soll. Im Jahr 2045 soll in Deutschland überhaupt nicht mehrt mit fossilen Brennstoffen geheizt werden, in Niedersachsen könnte es durch das neue Klimagesetz sogar schon 2040 so weit sein.
Ist es trotzdem klug, noch einmal eine neue Gasheizung einzubauen? Eine wesentliche Motivation dafür ist die Sorge, bald keine neue Gasheizung mehr einbauen zu dürfen und stattdessen gezwungen zu sein, eine deutlich teurere Wärmepumpe einsetzen zu müssen, womöglich zusätzlich ins Gebäude investieren zu müssen. Dabei ist der Einbau neuer Gasheizungen auch vom nächsten Jahr an nicht verboten.
Keine Empfehlung mehr
Ein erfahrener Sanitär- und Heizungsmeister aus dem Kreis Hildesheim rät bei schlecht isolierten Altbauten, bei denen über die Wärmepumpe hinaus große Investitionen etwa für Dämmung nötig wären, im Zweifel „noch einmal eine neue Gasheizung einbauen zu lassen und abzuwarten, wie sich die Situation bis 2045 tatsächlich entwickelt“.
Im Einzelfall könne eine neue Gasheizung noch die beste Wahl sein, aber auch nur dann, zu diesem Schluss kommt auch Schornsteinfeger und Energieberater Florian Paasch-van Treel aus Hildesheim: „Grundsätzlich kann man aber nicht mehr empfehlen, eine neue Gasheizung einzubauen“, sagt er im großen HAZ-Interview. Die Bedingungen verschärfen sich, die laufenden Kosten dürften steigen.
Gaspreis vor Anstieg?
Allgemein wird erwartet, dass Gas in den nächsten Jahren erheblich teurer wird – schon wegen der CO2-Bepreisung. Aktuell plant die Bundesregierung zum neuen Jahr eine Anhebung des CO2-Preises von 30 auf 45 Euro pro emittierter Tonne. Ein Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20 000 Kilowattstunden Erdgas müsste also nach einer Analyse des Vergleichsportals Check24 mit Zusatzkosten von 86 Euro pro Jahr rechnen, wenn alle anderen Faktoren unverändert blieben.
Was außerdem die Preise für die Endkunden erhöhen dürfte: Wenn immer weniger Menschen Gasheizungen haben, weil es mehr Wärmepumpen und mehr Fernwärme gibt, gleichzeitig aber das bestehende Gasnetz weiter unterhalten muss, werden die sogenannten Netzentgelte auf weniger Kundinnen und Kunden verteilt – und werden damit für den einzelnen teurer. Davon gehen Expertinnen und Experten bundesweit, aber auch die örtlichen Netzbetreiber EVI wie Avacon aus, auch wenn sie sich mit Prognosen zur Preisentwicklung sehr zurückhalten.
Die Wasserstoff-Frage
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, wann letztlich ein wie großer Anteil der Heizenergie aus erneuerbaren Quellen kommen muss. Details dazu sollen im neuen Heizungsgesetz noch festgelegt werden. Mögliche Probleme: Der vorgeschriebene Öko-Anteil lässt sich gar nicht oder nur sehr kostspielig realisieren.
Unklar ist zudem, wie es mit Wasserstoff weitergeht. Neue Gasheizungen sollen vom kommenden Jahr an möglichst „H2-ready“ sein, was bedeutet, dass sie auch mit Wasserstoff zu betreiben sind. Doch wird dieser Brennstoff, der dann auch über 2040 und 2045 hinaus nutzbar wäre, wirklich eine große Rolle bei der Heizung von Wohnhäusern spielen? Die EVI will es nicht ausschließen und beschäftigt sich mit dem Thema, erklärt aber: „Wir sehen aktuell den Einsatz von Wasserstoff allem voran in der Schwerindustrie, sowie in der Spitzenlastversorgung mit Fernwärme und bei der Stromerzeugung.“
Wette auf die Zukunft?
So sehen es auch die meisten Energie-Fachleute in Deutschland. Ihr Argument: Es wird schlicht nicht genug Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen geben, um ihn über die Industrie und vielleicht noch den Schwerlastverkehr hinaus einzusetzen – und wenn es technisch doch möglich sein sollte, könnte es zu teuer werden.
Es gibt allerdings auch Experten, die dem Wasserstoff sehr wohl eine bedeutende Rolle beim Heizen einräumen. Denkbar sind sogar kleinere lokale Netze, die nur in einigen Bereichen einer Stadt verlaufen. Auf Wasserstoff zu setzen, ist aus Sicht des Einzelnen jedenfalls eine Wette auf die Zukunft – mit ungewissem Ausgang.
Was es mit der Gasumstellung im Jahr 2029 auf sich hat, lesen Sie hier.
Folge 1 der HAZ-Serie zum Heizungsgesetz: Was soll gelten – und was nicht?
Folge 2: Was tun mit der Heizung? Hildesheimer Experte gibt im großen HAZ-Interview Tipps – und warnt
Folge 3: Technik, Kosten, Abstände, Stromnetz: Was Sie über Wärmepumpen wissen müssen
Folge 5: Das sagen die größten Vermieter in Stadt und Kreis Hildesheim zur Zukunft des Heizens
Folge 6: Kommunale Wärmeplanung: Wo steht meine Kommune im Kreis Hildesheim?
