Hildesheim - Wer dieser Tage einen Blick auf die Baustelle in der Dammstraße wirft, dürfte sich verwundert die Augen reiben: Die historische Brücke, deren Südseite über Monate freigelegt war, ist bis auf einen kleinen Abschnitt unter einer Schicht Erde verschwunden. Da dürften die Arbeiten ja wohl vor dem Abschluss stehen, bald die neue Fahrbahn gebaut werden und der Verkehr dann auch schnell wieder fließen können. Oder?
Nein – denn der Schein trügt. Zwar ist die Südseite des 850 Jahre alten Bauwerks, die sich viele Hildesheimer im vergangenen Frühjahr bei Führungen aus der Nähe angesehen haben, tatsächlich seit kurzem nicht mehr zu sehen. „Und das wird wohl mindestens für mehrere hundert Jahre so bleiben“, meint Baustellen-Koordinator Stefan Keck von der Firma BN Umwelt GmbH – es sei denn, die künftigen Stadtverantwortlichen entschließen sich eher, wenn überhaupt, die Brücke noch einmal freizulegen.
Doch mit der Abdeckung der Südseite sind die Voraussetzungen dafür, die Brücke wie geplant mit einer Betonplatte zu versiegeln und darauf eine neue Fahrbahn zu errichten, beileibe noch nicht erfüllt. So entsteht gerade auf der Nordseite in Richtung Innenstadt der östlichste Abschnitt des Grabens, in dem das Fundament der Betonplatte aufgeschüttet wird. Die Grube muss dafür 5,50 Meter tief sein, am Freitag fehlte noch ein guter Meter.
Mauern, Holzbalken und wieder Skelette: Arbeiten auf der Nordseite gehen langsam voran
Man komme langsamer voran als gedacht, berichtet Keck: Zunächst entdeckten die Archäologen, die die Arbeiten begleiten, wieder zahlreiche Mauerreste früherer Gebäude, dann einen massiven Holzbalken, zuletzt folgten zwei Skelette: eines von einem Erwachsenen, ein zweites von einem Kind. Und ihre Gebeine könnten nicht die letzten gewesen sein – schließlich sind rund um die Brücke bereits mehrere Dutzende Skelette entdeckt worden.
Auf solche könnten die Archäologen daher auch im letzten Abschnitt des nördlichen Fundamentgrabens auf der anderen Seite, also in Richtung Moritzberg stoßen – er ist als nächstes an der Reihe.
Betonplatte wiegt um die 300 Tonnen
Doch die Betonplatte – sie wiegt nach Angaben Kecks voraussichtlich um die 300 Tonnen – braucht auch im Süden der Brücke ein Fundament. Dort haben die entsprechenden Arbeiten aber noch gar nicht begonnen. Und wenn es so weit ist, könnte das Fragen von Passanten aufwerfen. Denn um den Graben anzulegen, lässt Keck auf einem zwei Meter breiten und 35 Meter langen Streifen genau den Boden wieder ausheben, der gerade vor kurzem aufgetragen worden ist. Aber warum?
Weil die Bauarbeiter auch hier 5,50 Meter tief in die Erde müssen. Der just zugeschüttete Grabungsschlitz auf der Südseite der Brücke, von wo aus die Archäologen diese untersuchten, war jedoch nur 3,50 Meter tief. Die für Laien nahe liegende Lösung, doch einfach im vorhandenen Graben zwei Meter tiefer zu gehen, scheidet nach Ansicht der Experten auf der Baustelle aus statischen Gründen aus.
Kurios: Gerade aufgetragener Boden kommt bald zum Teil wieder raus
Denn die Stahlelemente an der Südseite, die die Baugrube in den vergangenen Monaten gesichert hatten, reichten ebenfalls nur bis 3,50 Meter. Wäre die Grube dort einfach ohne zusätzliche Absicherung vertieft worden, hätte das Risiko bestanden, dass die Erde ins Rutschen kommt, die Brücke beschädigt und die Archäologen verschüttet werden – diese müssen nämlich die restlichen zwei Meter bis zu der nötigen Tiefe von 5,50 Meter noch untersuchen. Und das auf der kompletten Länge der Brücke von 35 Metern, mit einer Sicherung durch neue Stahlelemente an der Seite.
Wie lange das dauere, hänge von der Art und Vielzahl der Funde ab, betont Keck. Er hält sich deshalb weiter mit zeitlichen Prognosen zurück. Vertreter der Stadt hatten vor kurzem eine Öffnung der Dammstraße für den Verkehr zum Sommer in Aussicht gestellt; die Straße ist seit Entdeckung der Brücke im Mai 2022 voll gesperrt.
