Verzögerung durch Funde aufgeholt

Dammstraße in Hildesheim: Die Arbeiten am Kanal sind auf der Zielgeraden

Hildesheim - Die Zukunft der historischen Brücke unter der Dammstraße in Hildesheim ist noch ungeklärt. Doch die Bauarbeiten, die zu ihrer Entdeckung geführt haben, stehen vor dem Abschluss.

Der Blick aus der Luft auf die Baustelle der Stadtentwässerung rund um die Dammstraße (in der Bildmitte) in Hildesheim. Der alte Kanal (orange Linie) verlief westlich entlang des Eselsgraben, der neue (grüne Linie) liegt östlich in Richtung Innerste – sein Bau hat zahlreiche historische Funde zutage gefördert.  Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Eine „halbseitige, vorübergehende Sperrung“ der Dammstraße hatte die Stadtentwässerung (SEHI) angekündigt, als sie im Sommer 2021 die Bauarbeiten für einen neuen Kanal zwischen der Bischofsmühle und dem Wasserkraftwerk am Überlaufbecken einläutete. Da wussten die Stadtentwässerer allerdings noch nicht, dass ihr Projekt neben etlichen anderen Spuren der Hildesheimer Vergangenheit eine 850 Jahre alte steinerne Brücke ans Tageslicht befördern würde.

Es wurde eine Vollsperrung, deren Ende nicht in Sicht ist

So wurde aus der vorübergehenden Sperrung der Dammstraße eine Vollsperrung. Sie dauert inzwischen zehn Monate, ein Ende ist nicht in Sicht. Die Bauarbeiten der SEHI aber, die zu all dem führten, stehen vor dem Abschluss. Was erstaunlich ist: Sie liegen trotz aller Überraschungen wieder im Zeitplan, die Kanalbauer haben die Verzögerungen aufgeholt.

Dass es bei dem Vorhaben unvorhergesehene Schwierigkeiten geben könnte, damit hatte SEHI-Bereichsleiter Michael Ködding gerechnet: Schließlich verläuft der 450 Meter lange Mischwasserkanal, durch den künftig sowohl das Abwasser als auch das Regenwasser aus einem Drittel des Stadtgebietes in Richtung Kläranlage fließen, teilweise bis zu sechs Meter unter der Erde.

Doch es war, anders als von Ködding angenommen nicht der Baugrund an sich, der den Kanalbauern in die Quere kam, sondern das, was aus früheren Hildesheimer Zeiten in ihm zurückgeblieben war. So stießen die Arbeiter zunächst neben der Bischofsmühle auf Dutzende Skelette, die auf einem unbekannten Friedhof lagen – die Archäologen, die das Projekt begleiten, ordneten diesen dem Johannnisstift und der Johanniskirche zu. Beide standen vor mehreren Jahrhunderten in dem Bereich an der Innerste.

Es folgten Reste des Chores der Johanniskirche, die steinerne Brücke unter der Dammstraße, das Fundament eines Teils des früheren Dammtors, die Überbleibsel eines Wehrturms aus der einstigen Stadtbefestigung auf dem Johannisfriedhof. Und in dessen Nähe ein weiteres massives Fundament, das Stadtarchäologe Christoph Salzmann derzeit noch nicht einordnen kann. Der schwärmte in einer Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses im Herbst von „einem Schnitt durch die Stadtgeschichte“, den das SEHI-Vorhaben ermöglicht habe.

Stadtentwässerung hätte lieber eine andere Kanaltrasse gewählt

Dabei hätten die Stadtentwässerer lieber eine andere Trasse gewählt, nämlich entlang des benachbarten Eselsgrabens – dort, wo auch der vor mehr als 100 Jahre gebaute, bisherige Kanal verläuft. Er war beim Hochwasser 2017 beschädigt und nur provisorisch geflickt worden.

Doch die neuen Rohre, die mit einem Innendurchmesser deutlich voluminöser als die alten sind, wären der Brücke über den Eselsgraben zu nahe gekommen, „das ging technisch nicht“, sagt SEHI-Bereichsleiter Ködding. Und so musste eine neue Trasse für den Kanal her.

Dass dessen Rohre nur deshalb so groß ausfallen, weil sie schon für ein Baugebiet am Wasserkamp ausgelegt sind, wie es in einem Gerücht rund um den Kalenberger Graben heißt, weist Ködding zurück: Regenwasser solle grundsätzlich auf den Grundstücken bleiben; sollte dies nicht möglich sei, baue die SEHI einen Kanal, aus dem das Wasser direkt in die Innerste fließe oder versickere. „Am Dammtor wird kein Regenwasser vom Wasserkamp ankommen“, versichert Ködding. Und die Abwassermenge aus dem möglichen Baugebiet werde so gering, dass sie keinen nennenswerten Einfluss auf die Größe des Kanals habe.

Der ist inzwischen auf der vollen Länge hergestellt, die Bauarbeiter bereiten derzeit den so genannten Umschluss vor: Das heißt, der neue Kanal muss an den beiden Übergabepunkten ans bestehende Netz gebracht werden. Um das bewerkstelligen zu können, sind jeweils vorübergehende Bypässe nötig, durch die das Mischwasser umgeleitet wird. Nördlich der Bischofsmühle ist diese Umleitung bereits in Betrieb, am anderen Ende am Johanniswehr soll sie demnächst folgen.

Die Toten vom Johannisfriedhof dürfen nach den Arbeiten nicht mehr dorthin zurück – warum?

Bis Ende April werde das noch dauern, kündigt die SEHI an. Die muss dann im Anschluss den Johannisfriedhof samt Friedhofsmauer und dem Weg davor wieder herrichten: Die Grabsteine, die auf der Kanaltrasse standen, waren von einem Steinmetz entfernt worden; dieser baue sie auch wieder auf, sagt Ködding. Die Überreste der Menschen, die einst auf dem Gelände bestattet worden waren und derzeit ausgelagert sind, sollen auf dem Nordfriedhof ihre allerletzte Ruhe finden: Weil der Johannisfriedhof schon seit 1930 stillgelegt sei, dürften sie dorthin nicht zurück, erklärt Stadtarchäologe Salzmann.

Die Arbeiten auf dem Johannisfriedhof sollen bis zum Herbst erledigt, die Johannisstraße eventuell bereits ab Ende April wieder befahrbar sein – wobei Ortsbürgermeister Tobias Eckardt bereits gewarnt hat, sie dürfe dann nicht zur Umleitung für die Dammstraße werden. Ganz folgenlos sind die archäologischen Funde für das Projekt im Übrigen dann doch nicht: Die Baukosten würden deutlich höher als die geplanten 3,2 Millionen Euro, heißt es bei der SEHI – um wieviel genau, sei noch unklar.

47 entdeckte Skelette: Wer waren die Toten?

Es war die erste archäologische Überraschung bei den Kanalarbeiten rund um die Dammstraße: Ende 2021 war die Grabungsfirma Archaeofirm in der Nähe der Bischofsmühle auf Skelette gestoßen. Insgesamt habe man die Gebeine von 47 Menschen gefunden, berichten die Archäologen Christiane und Gregor Brose. Klar scheint, dass die Toten im Mittelalter bestattet wurden. Doch: Woran starben sie, welches Geschlecht hatten sie, wie alt waren sie zum Zeitpunkt ihres Todes, woher kamen sie?

Stadtarchäologe Christoph Salzmann möchte das durch Untersuchungen herausfinden lassen – zumindest bei einigen Toten. Diese sollen nach Abschluss der Untersuchungen auf dem Nordfriedhof bestattet werden – wie auch die 105 Menschen, die bislang auf dem Johannisfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden hatten, teilweise in bis zu vier Lagen übereinander. Zudem wurden acht Gruften gefunden – allesamt verschlossen, berichten die Archäologen.

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