Hildesheim - Die Dammstraße ist wegen der Entdeckung der historischen Brücke unter der Fahrbahn seit zweieinhalb Jahren gesperrt, der Verkehr dort dürfte frühestens im April wieder fließen. Nun steht bereits die nächste Sperrung im Raum.
Denn die Stadt muss die Brücke über die Innerste erneuern, wie sie jüngst angekündigt hat. Das wirft die Frage auf: Hätte man das dann nicht gleich mit erledigen können, um eine erneute Sperrung zu verhindern?
Für die Verwaltung ist das eine „rein hypothetische Frage“, sagt Sprecher Helge Miethe. Und noch dazu eine, die man im Rathaus mit einem Nein beantwortet. Zwar sei spätestens seit den beiden letzten Brückenprüfungen vor zwei und fünf Jahren klar, dass an dem 1933 entstandenen Bauwerk über der Innerste „auch etwas passieren“ müsse, sagt Bereichsleiterin Carola Rex – was genau, nämlich am besten ein Neubau, steht allerdings erst seit kurzem fest. Doch sich der Brücke schon 2022 im Zuge des Kanalbaus in der Dammstraße anzunehmen, habe sich ohnehin nicht angeboten, erklärt die Bereichsleiterin. Schließlich habe seinerzeit niemand geahnt, dass sich der Eingriff in der Dammstraße durch die Entdeckung der historischen Brücke zu einer Großbaustelle entwickeln würde. Und auch als im Herbst 2022 die Bedeutung des 850 Jahren alten Bauwerks unter der Dammstraße offenkundig wurde, sei es keine Option gewesen, die Innerste-Brücke mit anzugehen. „Denn auch damals wusste keiner, wie lange das alles noch dauern wird“, betont Rex.
Auch die Brücke über den Eselsgraben ist sanierungsbedürftig
Zudem sehe die Verwaltung die Brücke über die Innerste und die benachbarte Brücke über den Eselsgraben im Zusammenhang. Denn Letztere sei ebenfalls sanierungsbedürftig, erklärt die Bereichsleiterin. Deshalb gebe es dafür seit mehreren Jahren auch einen gemeinsamen Ansatz im Haushalt für Planungsmittel, erläutert Rex. Außerdem wolle die Stadt die Arbeiten an den Brücken am allerliebsten in einem Zug mit der Sanierung der östlichen Dammstraßen-Fahrbahn in Richtung Innenstadt erledigen, so können man die dafür nötigen Sperrungen zusammenlegen, damit die Verkehrseinschränkungen geringer ausfielen.
Die Verwaltung veranschlagt für das gesamte Paket einen zweistelligen Millionen-Betrag und mehrere Jahre an Planungs- und Bauzeit; allein für den Neubau der Innerste-Brücke sind 1,8 Millionen Euro und etwa zweieinhalb Jahre angesetzt. „Das hätte einen Aufschrei gegeben, wenn dafür noch Zeit zu den derzeitigen Arbeiten in der Dammstraße dazugekommen wäre“, ist Rathaussprecher Helge Miethe sicher.
Verwaltung ist sicher: Der Rat wäre nicht begeistert gewesen
Doch Rex räumt ein: Natürlich könne man aus heutiger Sicht fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, so viel wie möglich zusammen zu machen. „Aber ich glaube kaum, dass wir damit im Rat offene Türen eingerannt hätten.“ Dass die Politiker schon länger davon hätten wissen müssen, dass die Stadt sich auch der Innerste-Brücke annehmen muss, ergibt sich für Rex und Miethe aus dem entsprechenden Haushaltsansatz für Planungsmittel – ob das allerdings auch entsprechend kommuniziert worden sei, konnten beide ohne Aktenstudium nicht sagen.
Zumindest bei Dennis Münter ist die Nachricht nicht angekommen. Vielleicht hätte die Verwaltung dem Rat eher sagen können, dass es Sinn ergebe, die Arbeiten zusammenzulegen, meint der CDU-Fraktionschef. Doch er bestätigt Rex’ Vermutung, die Politik wäre davon nicht begeistert gewesen. Für die Christdemokraten und deren Gruppenpartner Unabhängige und FDP habe die Prioriät darauf gelegen, den Verkehr in der Dammstraße so schnell wie möglich wieder fließen zu lassen. Zudem sei es fraglich, wie die Stadt eine solche Investition hätte bezahlen können. „Jetzt zu sagen, man hätte das Thema Dammstraße größer denken sollen, finde ich nicht zweckmäßig.“
Grünen-Chef Räbiger sieht „postmortale Klugscheißerei“
Das beurteilt Grünen-Fraktionschef Ulrich Räbiger genauso. Der Rat habe Wert darauf gelegt, die Straße wieder schnell freizugeben; nach der Entdeckung der historischen Brücke sei es um ganz andere Themen als einen Eingriff an der Innerste-Brücke gegangen. Jetzt im Nachhinein nach Versäumnissen zu schauen, hält Räbiger für „postmortale Klugscheißerei.“
SPD-Ratsherr Tobias Eckardt, der mit Räbiger und Münter im Stadtentwicklungsausschuss sitzt, stimmt die Entwicklung zumindest nachdenklich. „Ich würde schon gern von der Verwaltung wissen, ob man den Brückenneubau in einem Abwasch mit den jetzigen Arbeiten hätte miterledigen können – gerade angesichts der Verzögerungen in der Dammstraße“, sagte der Sozialdemokrat der HAZ. Nun werde es eine neue Sperrung geben: „Die Frage ist nur, wann!“ Wenn es dazu komme, sei aber auf jeden Fall eine drei- bis vierjährige Atempause nötig, findet Eckardt: zum einen Blick auf die Gewerbetreibenden in der Dammstraße, zum anderen aber auch darauf, dass die Verwaltung nun zunächst den Umbau der Kardinal-Bertram-Straße angehen müsse – was man in der Verwaltung genauso sieht.
Stadt Hildesheim verspricht Atempause vor der nächsten Sperrung der Dammstraße
Die Atempause werde es auf jeden Fall geben, versichert Rathaussprecher Miethe. Denn der Brückenneubau und die Sanierung der östlichen Dammstraße stünden „nicht mittelfristig“ an – Baudezernentin Andrea Döring gehe von acht bis zehn Jahren aus. „Es wird nicht dazu kommen, dass wir die Dammstraße wieder auf- und dann bald erneut zumachen“, versichert Miethe.
Doch was ist mit dem Hinweis in der Sitzungsvorlage zu dem Thema für den Rat, die Innerste-Brücke habe, wenn die Stadt die Schäden an dieser beseitige, was etwa 725.000 Euro koste, noch eine „Restnutzungsdauer von vier Jahren?“ Das beziehe sich vor allem auf den Abschreibungszeitraum für die Brücke, erklärt Rex – wann genau was an der Brücke nötig sei, zeige sich bei der nächsten Untersuchung, die 2025 ansteht. Sie glaube nicht, dass die Stadt in das Bauwerk vor einem Neubau noch investieren werde; eher böte es sich an, bei Bedarf die Belastung zu verringern, zum Beispiel durch ein Reduzierung des Schwerlastverkehrs.
Kommentar: Die Reaktionen lassen tief blicken
Zweieinhalb bis drei Jahre für Planung und Bau einer neuen Innerste-Brücke – na, wenn man damit angefangen hätte, als der Dammstraßen-Ärger begann, dann könnte das Bauwerk schon 2025 fertig sein. Und die Anlieger hätten auf Jahrzehnte Ruhe! Das klingt verlockend und simpel. Zu simpel, sagen Verwaltung und Politik im Chor, und sie haben Recht, wenn sie darauf verweisen, dass ja 2022 gar nicht klar war, wie lange das Drama rund um die historische Brücke dauern würde.
Und doch muss man sich fragen, warum der Aspekt, ob man nicht alles auf einen Schlag erledigen könnte, nie öffentlich diskutiert wurde. Warum nie geklärt wurde, ob eine längere Sperrung heute im Vergleich zu neuen Bauarbeiten in fünf, sieben oder neun Jahren das kleinere Übel sein könnte. Um es einfach zu formulieren: Jeder Hausbesitzer wird sich davor hüten, dass er in einem Jahr das Dach dämmt und zwei Jahre später die Dachziegel austauscht. Warum also kommt die marode Innerste-Brücke erst nach zweieinhalb Jahren auf den Tisch?
Noch viel ärgerlicher ist die Reaktion wesentlicher Politiker. CDU-Fraktionschef Münter meint, man dürfe nun nicht fordern, das Problem hätte größer gedacht werden müssen. Einspruch: Just dafür werden Kommunalpolitiker gewählt und Baudezernentinnen bezahlt – Probleme groß zu denken. Grünen-Chef Räbiger spricht sogar von „postmortaler Klugscheißerei“ – wer so redet, wird nie aus Fehlern lernen, wird’s beim nächsten Mal nicht besser machen. So bremst die Politik sich selber aus. Und leider auch diese Stadt.
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