Neues Baugebiet

Konkrete Entwürfe: Drei Varianten für die Bebauung des Hildesheimer Wasserkamps

Hildesheim - Bei der Diskussion um das umstrittene Vorhaben im Süden der Stadt kommen nun die ersten Karten auf den Tisch: Die Stadt stellt drei Varianten vor, wie das Wohngebiet aussehen könnte. Wie sie sich unterscheiden.

Hildesheim - Das geplante Wohngebiet Wasserkamp bekommt nach langen Debatten erstmals ein Gesicht – besser gesagt gleich drei. Im Auftrag der Stadt Hildesheim haben die Planerbüros Drees & Sommer, Lokation:S und MLA+ nun drei Entwürfe vorgelegt, über die zunächst am Dienstag, 6. Dezember, die Mitglieder der beiden Ortsräte Itzum und Marienburger Höhe diskutiert haben. Einen Tag später folgt um 17.30 Uhr der Ausschuss für Stadtentwicklung in öffentlicher Sitzung im Rathaus.

Ein ähnliches Verfahren gab es vor Kurzem für das Planungsgebiet Pappelallee am Moritzberg. Parallel zu den Entwürfen gibt es zunächst eine Bürgerbefragung zum Wasserkamp, die im Oktober abgeschlossen wurde. Nun berät zunächst die Politik, Anfang nächsten Jahres auch mit Beteiligung der Bürger, welche der drei Varianten den Vorzug bekommen soll.

Hoher Flächenverbrauch

Alle drei Vorschläge haben vor allem gemeinsam, dass sie stark auf das Konzept von Ein- und Zweifamilienhäusern setzen. Und damit – wie Maximilian Müller von MLA+ einräumt – auch einen großen Flächenverbrauch bedeuten. In allen drei Entwürfen werden rund 140 Einfamilienhäuser und 160 Doppelhaushälften vorgesehen sowie rund 110 bis 115 Wohnungen in Reihenhäusern Hinzu kommt jeweils eine eigene Fläche für 44 sogenannte Tiny Houses, Kleinhäuser mit wenig Quadratmetern.

Für den sozialen Wohnungsbau sowie besondere Wohnanforderungen gibt es insgesamt jeweils etwas mehr als 250 Wohnungen in Mehrgeschossbauten – drei- bis viergeschossig, teilt Müller mit. Insgesamt also etwa 710 Wohnungen.

Häuser, die mehr Energie erzeugen als verbrauchen

Ein Novum für die Stadt: Müller stellt das Wohngebiet Wasserkamp als „Plusenergiequartier“ vor. Es soll in mehreren Punkten ökologischen Vorgaben entsprechen, die den Klimawandel berücksichtigen. Durch die Nutzung der Erdwärme, den Einsatz von Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen soll hier insgesamt mehr Energie erzeugt als verbraucht werden.

Retensionsflächen für Oberflächenwasser lehnen sich an das Konzept der sogenannten Schwammstädte an. Wasser versickert nicht, sondern bleibt an der Oberfläche, um für ein attraktives Klima zu sorgen und gleichzeitig im Sommer für Abkühlung zu sorgen.

Grüne Fassaden kühles Klima

Kombiniert mit begrünten Fassaden, grünen Bereichen zwischen den Hausreihen sowie Vorgaben für die Bepflanzung und Gestaltung der Grünbereiche solle erreicht werden, dass es zu einer Anbindung ans FFH-Gebiet kommen solle, damit sich heimische Tier- und Pflanzenarten ansiedeln können, stellt Müller das Konzept weiter vor.

Umstritten war bei den Gegner auch genau dieser Aspekt: Inwieweit der Naturschutz entlang der Innerste in Gefahr gerät, durch zu großen Wandertourismus beeinträchtigt zu werden. Das wollen die Planer umdrehen und durch naturnahes Wohnen die Sinne der neuen Siedler auf die Bedeutung der ökologischen Umwelt lenken. Dabei variieren aber die Varianten mit ihren Abständen zur FFH-Zone.

Und was ist mit der Archäologie?

Und noch ein Thema bringen die Kritiker immer wieder auf den Tisch: die archäologischen Befunde. Von der Jungsteinzeit an lassen sich im Erdreich des Wasserkamps drei frühmenschliche Siedlungsepochen dokumentieren.

Auch sie finden Berücksichtigung in den Plänen. Alle drei sind zwar anders aufgebaut, legen aber für die Kernbereiche der Fundstellen großflächige Grünanlagen fest, die später jederzeit wieder von Archäologen für ihre Forschung aufgegraben werden können. Lebendige Steinzeit sozusagen. Und eine Förderung der lokalen Wohnqualität, ist sich Stadtplanungschefin Sandra Brouer sicher. Auf dem Wasserkamp soll viel Platz fürs Wohnen entstehen, aber auch für ein ökologisches Leben mit Platz für den Anbau von Lebensmitteln und ein soziales Miteinander.

Unterschiedliche Verteilung der Gebäude

Was sich unterscheidet, ist jeweils die Anordnung der Gebäude. Die Bebauungsfläche erinnert grafisch ein bisschen an eine Handfläche mit abgespreiztem Daumen. Der liegt zwischen Naturschutzgebiet und Südfriedhof und ist in allen drei Entwürfen gleich gestaltet inklusive einer eigenen Quartiersgarage am Ende der Fläche.

Variante I: drei Riegel

Das Kerngebiet fächert sich in drei Riegel auf, wie drei Finger, die in Richtung Marienburger Straße zeigen und zwischen denen jeweils Grünanlagen verlaufen. Die Straßen verlaufen als gerade Achse als zentrale Mittellinie jedes der drei Finger. An den Enden zur Marienburger Straße hin stehen insgesamt drei weitere Parkhäuser für Bewohner und deren Gäste. An der Nordostecke soll ein Feuerwehrhaus platziert werden.

Im Kernbereich mit Blick auf das Naturschutzgebiet sind Nahversorger eingeplant, darunter ein Supermarkt mit rund 2000 Quadratmetern Fläche. Nebenan soll der Kindergarten entstehen.

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Variante II: das Netz

Darunter stellen sich die Planer eine Art Netz vor mit fünf Siedlungsflächen, die über Zuwege netzartig miteinander verbunden sind. Die Nahversorger sowie die Kita werden mittig in der Hauptfläche angeordnet. Zwischen den fünf Wohninseln gibt es großzügige Grünflächen. Auch hier bleibt der gespreizte Daumen als Fläche für sich bestehen. Das Feuerwehrhaus wandert etwas weiter südlich, aber ebenfalls mit direktem Zugang zur Marienburger Straße.

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Variante III: die Strahlen

Hier stehen die Hausgruppen eher strahlenförmig angeordnet, die Erschließungsstraße geht zentral durch das Baugebiet und folgt quasi dem derzeitigen Spazierweg auf der noch landschaftlichen Fläche. Eine Ringstraße schafft die Querverbindung – hier wäre, wie auch in Variante II – die Option möglich, eine Passage inklusive Haltepunkte für den Stadtbus einzuplanen.



Auch bei dieser Lösung würden die Nahversorger samt Kita mittig im Gebiet angesiedelt werden. Das Feuerwehrhaus stände dann wieder nördlicher an der Zufahrt zum oberen Ende der Ringstraße. Auch hier bleibt es beim gleichen Konzept für den abgespreizten Daumen.

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Im Sinne eines autoarmen Quartiers verfügen Fußgänger und Radfahrer über mehr Platz, hinzu kommt die direkte Anbindung an einen Radschnellweg zur Stadtmitte. „Unser Ziel ist die 15-Minuten-Stadt“, sagt Müller.



Autoarm leben – die neue Mobilität

In den Quartiergaragen sollen Angebote für Car-Sharing auch für Lastenräder die Bereitschaft steigern, auf das eigene Auto zu verzichten. Die Anbindung an den ÖPNV – auch mit eigenen Haltestellen – der nahegelegene Supermarkt sowie ein Radwegenetz wären weitere Schritte, um Hildesheim insgesamt stadtplanerisch auf einen neuen Kurs zu bringen – bei dem das eigene Auto zur Nebensache werden könne.

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