Hildesheim - Die Stadt Hildesheim will im Mai prüfen, ob sogenannte Pop-Up-Radwege auf der Zingel und der Alfelder Straße umsetzbar sind, wie Stadtsprecher Helge Miethe mitteilt. Der Arbeitskreis „Hildesheim will Rad fahren“ hatte vorgeschlagen, dort zum Stadtradeln vorübergehende, geschützte Fahrradwege einzurichten. „Zeigen Sie den Radfahrenden an exemplarischen Beispielen, was Sie bis 2025 mit ihrem Radverkehrskonzept umsetzen wollen“, schreibt der Arbeitskreis in einem offenen Brief an die Stadt.
Brücke in die Zukunft
Die Idee der Pop-Up-Radwege ist nicht neu. Auch in Hildesheim wurde auf der Marienburger Straße in der Vergangenheit so eine Fahrradspur eingerichtet. Richtig eingesetzt können sie aber noch viel mehr, als nur Beispiele für eine Verkehrsführung der Zukunft zu liefern – im Idealfall gestalten sie diese Zukunft gleich mit, erklärt Bernhard Ensink gegenüber der HAZ. Für die niederländische Beraterfirma Mobycon hat er ein Handbuch zu Pop-Up-Radwegen herausgegeben und hilft Kommunen, die unabhängiger vom motorisierten Verkehr werden wollen, bei der Verkehrsplanung. In Niedersachsen ist Mobycon in Osnabrück und Osterode aktiv.
„Temporäre Radwege sind eigentlich ein Kompromiss“, sagt Ensink. Auf der einen Seite stehe der Ist-Zustand, auf der anderen ein Plan für ein zukünftiges Verkehrskonzept. Pop-Up-Radwege seien im besten Fall eine Brücke zwischen diesen beiden Punkten. „Aktionismus dagegen ist nicht sinnvoll“, so Ensink. Damit meint er die Einrichtung von Pop-Up-Radwegen, hinter denen kein Plan für die Zukunft steckt – das wäre sozusagen eine Brücke ins Nichts. „Es macht keinen Sinn, die Wege dort einzurichten, wo langfristig ohnehin kein Radweg hin soll“, erklärt er.
Die Psychologie der Pop-Up-Radwege
Der Mobilitätsexperte ist überzeugt, dass es bei solchen Wegen viel eher um das geht, was in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer und -teilnehmerinnen passiert, als um die vorübergehende Veränderung im Stadtbild. Geht es seiner Meinung nach bei den Radwegen also gar nicht um die Radwege?
Ja und nein. Pop-Up-Radwege könnten zum Beispiel als Verkehrsversuche Vermutungen bestätigen oder widerlegen, wie viel Bedarf an Radwegen es auf einer bestimmten Strecke wirklich gibt. Mindestens ebenso wichtig sei aber: „Es ist auch eine Gelegenheit für die Politik, Rückgrat zu zeigen.“ Die Politik könne so eventuelle Bekenntnisse zur Verkehrswende glaubhaft machen. Außerdem böten die Radspuren die Möglichkeit, den Radelnden ein besseres Sicherheitsgefühl zu geben.
Wie macht man’s richtig?
Aber wie gestaltet man denn einen guten Pop-Up-Radweg? Die Maßnahme an der Marienburger Straße etwa wurde von einigen wegen der Ähnlichkeit zu einer Baustelle kritisiert.
„Bei vorübergehenden Maßnahmen kann man nicht auf Ästhetik setzen“, sagt Ensink. Aber dennoch sollte klar werden, „dass die Stadt sich Mühe gibt, dass da ein Wille dahintersteckt und dass es um eine positive Veränderung geht“. Auch rät er dazu, die Gestaltung der Spuren im Laufe der Zeit zu verändern. In den ersten Wochen seien etwa hohe Absperrbaken sinnvoll, damit Autofahrer und -fahrerinnen die neue Situation sofort erkennen. Nach ein paar Monaten – wenn die neue Wegführung zu neuen Routinen geführt hat – könnte man auch auf dezentere Mittel setzen.
„Ein Jahr sollte es schon sein“
Aber warum spricht Ensink von Monaten – das Stadtradeln geht doch nur vom 4. bis zum 24. Juni? „Es braucht Zeit.“ Das Sicherheitsgefühl für Radelnde stelle sich nicht über Nacht ein. Ebenso entstünden in der Anfangsphase von Pop-Up-Wegen oft Staus, aber nicht, weil die Wegeführung schlecht ist, sondern weil die Verkehrsteilnehmenden sich erst an die neue Situation gewöhnen müssen. „Ein Jahr sollte es schon sein“, rät Ensink für die Dauer eines Pop-Up-Radwegs. Sobald die Leute sehen würden, wie es gehen kann, würden sie oft gar nicht mehr zur alten Verkehrsführung zurückwollen.


