„Farm der Tiere“

Vom Zoo zum Theater: Früherer Tierpfleger bringt in Hildesheim ein neues Punk-Rock-Musical auf die Bühne

Hildesheim - Es klingt verrückt, stimmt aber. Jan Holtappels wollte Tierarzt werden und ist jetzt Theaterregisseur. In Hildesheim inszeniert er das brandneue Musical zu „Farm der Tiere“. Er findet: Der Zoo war eine gute Vorbereitung.

Schweinerei! In „Farm der Tiere“ übernimmt das liebe Vieh die Leitung über ihren Bauernhof. Die Vorlage von George Orwell ist ein Klassiker der Weltliteratur. In Hildesheim verwandelt sich die politische Parabel in ein punkiges Musical. Foto: Tim Müller

Hildesheim - Seine Ausbildung sei „eine gute Vorbereitung“ auf das Theater gewesen, findet Jan Holtappels. Er nennt es eine diplomatische Antwort. Denn bevor den gebürtigen Mönchengladbacher die Bühne lockte, war er Tierpfleger. „Ich wollte immer Tierarzt werden, der Weg dahin sollte über die Ausbildung führen“, erklärt er. Dann kam das Theater dazwischen und jetzt steht er im Theater für Niedersachsen (tfn), um die Musical Company zu inszenieren. Immerhin: Auf dem Spielplan steht „Farm der Tiere – Das Musical“.

Ob tfn-Intendant Oliver Graf den Regisseur deswegen ausgesucht hat? Vermutlich nicht. Fakt ist, dass Graf auf Holtappels zukam und der sagte schnell zu. Die Anfrage dürfte er als Vertrauensbeweis auffassen, mehr noch als bei anderen Angeboten von Intendanten an Regisseure. Denn Graf hat die Musicalfassung des bekannten Romans selbst geschrieben. Dafür hat sich der tfn-Intendant wieder mit Komponist Manuel de Rien zusammengetan. Das Duo hat bereits aus „Woyzeck“ ein Punk-Rock-Musical gemacht.

„Etwas Besonderes“

„Das ist schon etwas Besonderes“, bestätigt Holtappels. Uraufführungen sind ihm nicht fremd, aber dass die Autoren mindestens bei der Premiere im Publikum sitzen und während der Proben sogar ansprechbar sind, ist keine Selbstverständlichkeit. „Wir arbeiten weiter am Stück“, erklärt Holtappels. Das sei bei einer Uraufführung normal. Ob eine Idee funktioniert, zeigt sich manchmal erst auf der Bühne.

An „Farm der Tiere – Das Musical“ arbeiten eine Reihe von gestandenen tfn-Kräften. Die musikalische Leitung übernimmt Andreas Unsicker, Chef der Musical Company. Bühne und Kostüme entwirft Lars Linnhoff, der fürs tfn unter anderem schon „Endstation“ oder „Helle Nächte“ und aktuell „Till Eulenspiegel“ ausgestattet hat. Die Choreografien schließlich entwickelt Farid Halim, der in selber Funktion schon bei „Green Day’s American Idiot“ und der „Rocky Horror Show“ dabei war.

Darum geht’s

„Wir reden jetzt noch wahnsinnig viel miteinander“, beschreibt Holtappels die Arbeit an dem Musical. Denn es sei die Aufgabe des Kreativteams mit dem Ensemble, eine Inszenierung zu gestalten, zu der möglichst viele Leute einen Zugang finden. Das ist nicht einfach. Das tfn empfiehlt das Stück ab 15 Jahren. „Das ist sinnvoll“, betont Holtappels. Es soll drastische Momente geben. Ein Motiv von Verwertung zieht sich durch das Stück. „Wir fragen: Was ist ein Mensch oder ein Tier wert? Was ist Arbeitskraft wert? Kann ich ein Leben verwerten?“

Denn auf der Manor Farm haben die Tiere eine Rebellion gestartet. Sie vertreiben den Bauern, der sie schuften und hungern lässt und umbringt. Die Aufständischen versprechen sich eine gerechte Welt. Aber bald ergreifen die Schweine die Macht und es heißt: „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere.“ Mindestens diesen Satz dürften die meisten Menschen aus der Vorlage von George Orwell kennen. Geschrieben hat der „1984“-Autor seine Fabel als Parabel auf den Stalinismus. Laut Holtappels hält das Musical die Geschichte eher allgemein. „Es gab immer Menschen, die Gesellschaften in den Abgrund gerissen haben.“

Wie ein Film von Tim Burton

Populismus, Alleinherrschaft, Tyrannei. Davon soll „Farm der Tiere – Das Musical“ erzählen. Auch wegen der Komplexität des Stoffes hält Holtappels die Altersempfehlung für richtig. Gleichzeitig sei die Herausforderung, aus der moralischen Parabel mit ihren schablonenhaften Figuren eine emotionale Geschichte zu machen. „Die Leute wollen ja nicht zwei Stunden belehrt werden, sondern mitfühlen und mitfiebern.“

Dann muss ja auch noch Musik und Tanz in diese düstere Szenerie. „Es ist weniger der klassische Musical-Tanz“, beschreibt Holtappels. Die Musik sei sehr treibend, laut und kraftvoll, die Bewegungen sollen die Psychologie der Figuren erkennbar machen. Gleichzeitig vereine das Musical viele Stile: Punkrock, Folkloristisches, sogar eine Nummer als Pop-Schlager. „Das hat etwas Skurriles, wie in einem Film von Tim Burton.“ Holtappels kannte „Farm der Tiere“ natürlich vorher. Durch diese Auseinandersetzung und Inszenierung habe er aber viele neue Aspekte darin entdeckt.

Dann ist Premiere

„Toll wäre, wenn es dem Publikum genauso geht“, findet er. Bleibt nur noch zu klären: Wieso war die Tierpflegerausbildung eine gute Vorbereitung auf das Theater? „Mit Lebewesen zu arbeiten, braucht immer Geduld und Empathie“, erklärt Holtappels. Dass er den Zoo verlassen hat und ans Theater gewechselt ist, „habe ich nie bereut“.

Premiere von „Farm der Tiere – Das Musical“ ist am Samstag, 7. Februar, um 19 Uhr in Hildesheim.

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