Hildesheim - Familie, Familie, Familie - in schätzungsweise allen Mafia-Filmen der Welt zusammengenommen fällt das Wort nicht so oft wie bei einem Gespräch auf dem M’era Luna. Zwei Jahre musste die schwarze Szene auf ihr deutschlandweit größtes Festival verzichten. An diesem Wochenende ist es wieder soweit und der Flugplatz ist schwarz vor Menschen. 25.000 Besucher lockt das Gothic-Treffen, laut Veranstalter FKP Scorpio, pro Tag. Auch dieses Jahr wieder gilt die Veranstaltung als ausverkauft. Dabei ist das Programm im ersten Post-Covid-Jahr in weiten Teilen ein Nachholprogramm der ersten Absage. Allerdings: Die Musik steht auf dem diesjährigen M’era Luna noch weniger im Mittelpunkt als sonst.
Es ist scheißegal, ob du dick oder dünn, jung oder alt bist. Die Toleranz und Akzeptanz ist hoch
Familie, Familie, Familie – darum geht’s. Nicht wenige Besucher meinen das wörtlich und reisen im Verbund der Blutsverwandten an. Die meisten hingegen sprechen von ihrer Wahlverwandtschaft. Die gleiche Musik, die gleichen Outfits, die gleichen Interessen und Einstellung. Das schafft Gemeinschaft. Camping-Platz, Mittelaltermarkt und die Freiflächen dazwischen sind entsprechend vom Wiedersehen geprägt. Freudestrahlend stöckeln Frauen auf hochhackigen Stiefeln im Eiltempo aufeinander zu, um sich in die Arme zu fallen. Die Menschen strömen von Kiel und Stuttgart, aus Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen nach Hildesheim, um sich wiederzusehen. Frankreich, Belgien, Serbien, England und Schottland – auch die internationale Anreise bietet einen europäischen Querschnitt. „Es ist scheißegal, ob du dick oder dünn, jung oder alt bist“, meint eine Festivalbesucherin. „Die Toleranz und Akzeptanz ist hoch.“
In Bildern: Das war der erste Festival-Tag
Bühnenprogramm fast Begleiterscheinung
Das Bühnenprogramm gerät darüber fast zur Begleiterscheinung. The Mission, zum Beispiel. Obwohl die britische Rockband am Sonnabend gegen 18 Uhr auf einem attraktiven Platz spielen darf, ist die Fläche vor der Hauptbühne verhältnismäßig leer. Das lässt sich nur schwer den ergrauten Herren und ihrem gesetztem Prag-Rock zuschreiben. Die Gruppe mag ihre Hochzeiten in den 80ern zwar auch schon lange hinter sich haben, genauso wie das EBM-Projekt Nitzer Ebb, aber M’era-Luna-Dauergast ASP beweist kurz vor Mitternacht an diesem Tag, dass selbst eine Best-Of-Show noch genug Leute hinterm Ofen verlockt. Schon beim zweiten Song, der Klassiker „Schwarzes Blut“ von 2005, rastet die Menge aus und singt von da an jede Zeile mit.
Es gibt durchaus Bands, die bei diesem M’era Luna die Menge zu fesseln wissen. In Strict Confidence oder Ost+Front, zum Beispiel. Mittelalter-Bands wie Feuerschwanz und Schandmaul sind sowieso Stimmungskanonen. Aber auch Aeverium erleben, acht Jahre nachdem sie den Newcomer-Wettbewerb auf dem Festival gewonnen haben, den „schönsten Moment meiner Musikerkarriere“, wie Sänger Marcel Römer hörbar gerührt erklärt, nachdem schon am Sonntag um 12 Uhr die Menge ihre Arme empor gerissen und zum Song „Home“ gewiegt hat.
In Bildern: Eindrücke vom zweiten Festival-Tag
Die Wiedersehensfreude ist so groß, dass die meisten Besucher darüber hinwegblicken, dass die Realität auch vor dem Wunderland kein Halt macht. Offiziell möchte Veranstalter FKP Scorpio sich zu Preissteigerungen nicht zitieren lassen. Aber auf dem Mittelaltermarkt heißt es, es sei „unmöglich“, Mitarbeitende zu finden. Zwischen Bogenschießen und Badehaus machen Geschichten von Anwärtern, die nach dem ersten Probearbeiten aus dem Hotelfenster geflohen sind, die Runde. Gerade bei den Versorgern, also Ständen mit gastronomischem Angebot, übersteigt der Bedarf das Angebot. Corona habe die Leute vertrieben.
Beim Discounter an der Kasse oder im Lager sind die Löhne mindestens gleich, die Arbeitszeiten dafür planbarer und die Einsätze wohnortnäher. Entsprechend zwiespältig fallen die Zwischenfazits aus. Die Umsätze seien gut. Das Klientel auf dem M’era ist kaufkräftig und finanzstark. Wer seine Freunde aus der Ferne mit Elfenohren und Teufelshörnern beim Campen wiedersehen will, der legt auch mal 60 Euro für einen Pelz oder 40 Euro für eine Töpferarbeit auf den Tresen. Aber die Umsätze könnten besser und die Schlangen kürzer sein.
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Personalnot bei Anbietern
Viele Betriebe hätten mit mehreren Stationen vor Ort sein können, mussten aber aus Personalnot absagen. Manche Anbieter haben Corona schlicht nicht überlebt. Jeder Standbetreiber weiß von Märkten, die komplett ausgefallen sind oder die schlicht jeden nehmen, wo früher die Wartelisten lang waren. Das, zumindest gefühlt, kleinere Angebot, fällt auch dem Publikum auf. Die meisten sehen darüber hinweg. Es gibt ja auch noch so genug zu sehen. Hauptsache, es ist wieder M’era Luna. Ob die Wiedersehensfreude langfristig trägt, muss das Folgejahr zeigen.
von Björn Stöckemann




