Hildesheim - Eckhard Homeister kämpft mit seiner Kollegin Wiebke Wrede-Olberg gegen Leerstände in der Hildesheimer Innenstadt. Im HAZ-Interview erzählt er von Erfolgen – aber auch davon, warum ihn manche Makler wütend machen.
Kämpfen Sie in Sachen Leerstände nicht einen aussichtslosen Kampf? Es kommen doch ständig neue Leerstände dazu.
Der Kampf ist nichts aussichtslos: Wenn es uns gelingt, leere Läden mit Leben zu füllen, ist er erfolgreich. Allerdings wäre es unrealistisch zu glauben, wir als Stadt könnten den Leerstand komplett beseitigen. Diese Leerstandswelle überrollt viele Städte, das ist eine Lawine.
Für viele leere Läden haben Sie im vergangenen Jahr Zwischennutzer vermittelt?
Wir bespielen derzeit permanent 13 Ladengeschäfte, die sonst leer stünden, mit aufeinanderfolgenden Zwischennutzungen. Im vergangenen Jahr hatten wir 93 Anfragen von Menschen, die verwaiste Geschäfte nutzen wollten. 52 haben wir erfüllt.
Es gibt in Hildesheim mehr als 13 leere Läden. Kommen Sie nicht an alle heran?
Nein, tun wir nicht. Manche Eigentümer möchten keine vorübergehenden Nutzungen. Wir können auch aus Kapazitätsgründen – wir haben eineinhalb Stellen – nicht mehr als diese 13 Läden wuppen. Erst wenn einer rausfällt, weil es eine Dauernutzung gibt, können wir uns um neue Leerstände kümmern.
Gelingt es denn, aus Zwischen- auch Dauernutzungen zu machen?
Wir haben Mitte 2021 mit dieser Arbeit angefangen, bis Ende dieses Jahres werden wir insgesamt 20 Geschäfte auf Dauer vermittelt haben. Für uns ist alles, was länger als neun Monate währt, eine Dauernutzung.
Wo sind die Läden, können Sie Beispiele nennen?
Die meisten sind in der Fußgängerzone: zwei Reisebüros, ein Schmuckgeschäft, ein Asia-Laden, der Kulturratskeller am Marktplatz. Auch Ellis Eiscafé in der Neustadt haben wir unterstützt. Dann noch Kulturleben in der Osterstraße, die Kuschelwerkstatt auf dem Moritzberg. In die früheren Tolle-Räume in der Bernwardstraße zieht ein veganes Restaurant ein, darauf sind wir besonders stolz: Der Vormieter war noch gar nicht raus, da hatte der Nachmieter den Vertrag schon unterschrieben. So entsteht gar nicht erst ein Leerstand.
Wieso ist es eigentlich so wichtig, Läden schnell wieder zu besetzen?
Das Tückische an Leerständen ist: Je länger sie anhalten, desto größer ist ihr Bedrohungspotential für die Umgebung. Erst sind die Läden leer, dann verdrecken sie, Schaufenster werden beklebt, Scheiben eingeschlagen. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen Leerständen und einem Anstieg der Kriminalität im Umfeld belegen.
Wissen die Eigentümer und deren Makler, wenn solche im Spiel sind, den Einsatz der Stadt zu schätzen?
Meine Kollegin und ich müssen am Anfang viel Überzeugungsarbeit leisten, man muss geduldig sein. Aber wenn verstanden worden ist, dass wir keine Almosen wollen, sondern etwas bieten, dann wird das wertgeschätzt. Allerdings mehr von Eigentümern als von Maklern.
Was erleben Sie mit denen?
Es gibt Makler, die raten Immobilienbesitzern, nicht mit uns zusammenzuarbeiten.
Wieso das denn?
Das verstehe ich auch nicht. Aber Eigentümer berichten, Makler hätten ihnen gesagt, ein verwahrloster Laden sei besser wieder zu vermitteln, weil er besser ins Auge fallen würde. Und es gibt Makler, die Eigentümer auffordern, an überhöhten Mietvorstellungen festzuhalten – mit der Begründung, in spätestens drei, vier Jahren sei die Krise vorbei. So etwas macht mich wütend.
Weil es an der Realität vorbei ist?
Völlig vorbei. Ich bin fassungslos, wie manche Makler Eigentümer so beraten können. Aber es gibt zum Glück auch andere: Die schauen sich ein Quartier und die Umgebung des Ladens genau an und überlegen, was dort hinpasst. Mit solchen Maklern arbeiten wir eng und kollegial zusammen, um zu sehen, was lässt sich machen. Dann gelingen solche Dinge wie bei der Tolle-Nachfolge in der Bernwardstraße.
Haben Sie schon Zwischennutzungen abgelehnt, weil die Ihnen unpassend erschienen?
Ja, einen Automaten-Kiosk.
Was ist das denn?
Ein Unternehmen wollte einen Laden in der Innenstadt mit Automaten füllen, an denen man Lebensmittel und Getränke kaufen kann.
Wieso wollten Sie das nicht?
Weil das vielleicht das Bedürfnis befriedigt, sich nachts um 3 Uhr eine Cola zu holen, aber nicht die Innenstadt belebt. Da entsteht kein Arbeitsplatz, keine Kommunikation.
Die Immobilien in der Innenstadt gehören ganz verschiedenen Gruppen: Sie haben neulich in der Politik berichtet, der Kreis reiche vom Hildesheimer Rentner-Ehepaar bis zu weltweit agierenden Fonds. Mit wem kommen Sie besser ins Geschäft, den Rentnern vor Ort oder den Fonds?
Bis vor etwa fünf Jahren haben Fonds gar nicht mit uns gesprochen, haben nicht auf Emails oder Briefe reagiert. Dann hat sich das irgendwann allmählich geändert. Heute ist es egal, ob wir mit einem Rentner-Ehepaar aus Hildesheim oder einem großen Immobilienfonds sprechen: Wichtig ist der erste Kontakt. Wir müssen den Eigentümern zeigen, dass sie einen Mehrwert bekommen, gegen ein minimales Risiko wie Schäden am Gebäude.
Was bieten Sie den Eigentümern konkret an, wie läuft das?
Wenn wir von einem Leerstand erfahren, gehen wir auf die Eigentümer zu. Lassen die sich auf einen Kontakt ein, können wir mit unserer Persönlichkeit und unserem Programm überzeugen.
Wie sieht das genau aus?
Wir bieten an, dass wir uns um den Laden kümmern, so lange der leer steht. Wir säubern die Räume, damit potentielle Mieter sagen: „Wow, das sieht gut aus!“ Wir übernehmen für auswärtige Eigentümer auch Führungen von Interessenten, wir putzen Fenster, reißen Plakate von den Schaufenstern, bis keine neuen mehr angeklebt werden. Im Gegenzug möchten wir Zwischennutzungen ermöglichen.
Zahlen Sie den Eigentümern Miete?
Nein! Nur eine Aufwandsentschädigung. Die Nutzer müssen die Nebenkosten tragen.
Wie hoch sind diese Aufwandsentschädigungen?
Unterschiedlich, das reicht von null Euro bis zu 1000 Euro im Monat. Und wir versichern den Eigentümern, dass wir den Laden sofort räumen, wenn das gewünscht wird. Wir nehmen jeden Laden, wie er ist, meckern nicht über den Zustand, machen das Beste draus.
Haben die Eigentümer die Zeichen der Zeit erkannt? Eigentlich müssten die Mieten ja in den Innenstädten sinken – tun sie das in Hildesheim?
Ja, die Mieten sinken bis zu 30 Prozent. Zur Zeit kostet der Quadratmeter wohl – je nach Lage und Qualität der Immobilie – unter 30 Euro.
Drohen eigentlich in nächster Zeit weitere Leerstände?
Die drohen. Es laufen viele Mietverträge in der Innenstadt aus. Und wenn die Eigentümer und Mieter sich nicht über die Fortsetzung der Verträge – und eine Senkung der Miete – verständigen können, dann werden neuen Leerstände entstehen.
Die Miethöhe ist ja ein wesentlicher Grund für das Aus der Galeria Kaufhof in Hildesheim – können Sie sich da eine Zwischennutzung vorstellen?
Grundsätzlich ist das für jede Immobilie denkbar.
Sie sind bei Ihrem Programm „Wir kümmern uns“ zunächst nur mit dem Angebot gestartet, die Läden sauber zu halten. Die Aufwandsentschädigungen sind relativ neu – wie kam es dazu?
Um mehr Zugriff auf Immobilien zu bekommen, das funktioniert auch. Wir haben jetzt ein Budget von 50 000 Euro im Jahr.
Reicht der Betrag? Das klingt angesichts der zahlreichen Leerstände eher wenig.
Das ist nicht so wenig, wir werben ja auch Fördermittel ein, im vergangenen Jahr waren das rund 40 000 Euro. Und wir nehmen ein kleines Entgelt von den Nutzern – zum Beispiel, wenn jemand Kleidung verkauft und entsprechende Einnahmen hat. Wir können auch gar nicht viel mehr Geld ausgeben: Wir sind – wie gesagt – nur zu zweit.
Würde es sich nicht lohnen, das Personal aufzustocken, weil Sie dann mehr bewegen könnten?
Das wäre folgerichtig. Zumal diese Aufgabe nicht kleiner wird in den nächsten Jahren. Tendenziell werden Verwaltung und Politik vermutlich auch eher darüber nachdenken, das Personal auszuweiten und nicht, es zu reduzieren.
Dem Handel geht es nicht gut. Müssen wir uns nicht von der Idee verabschieden, in den Innenstädten gehe es nur um Einkaufen?
Das sollten wir tatsächlich. Wir haben darauf bereits vor sechs Jahren in der Innenstadtanalyse hingewiesen – auch wenn das damals nicht alle Leute hier hören wollten. Heute ist es ein Allgemeinplatz, dass Innenstädte auch Erlebnisse bieten müssen. Ein reger Einzelhandel und hohe Aufenthaltsqualität müssen Hand in Hand gehen, eins geht nicht ohne das andere.
„Hohe Aufenthaltsqualität“ – was soll das denn sein?
Das können einfache Sitzbänke sein, aber auch besondere Sitzgelegenheiten, wie sie – zum Beispiel – von Studenten geschaffen – an einigen Stellen in der Stadt stehen. Auch Graffiti schaffen Atmosphäre, zum Beispiel der Zeit-Angler am Panorama-Hochhaus, die Streetart am früheren Büro für die Kulturhauptstadtbewerbung am Almstortunnel. Wichtig ist: Die Leute müssen all das kostenlos genießen können. Man muss sich in der Innenstadt hinsetzen können, ohne dafür in ein Café gehen und dort etwas bezahlen zu müssen. Für ganz wichtig halten Experten auch kreative Ort in den Innenstädten.
Was ist darunter zu verstehen?
So etwas wie der PULS an Angoulêmeplatz. Es geht um Ankerpunkte für den Wandel der Innenstädte: Im PULS wird kreativ gearbeitet, solche Orte ziehen Menschen an, die es vorher in dem Viertel nicht gab. Dadurch interessieren sich neue Läden für die Gegend, weil die Atmosphäre befruchtend wirkt.
Ist der nächste PULS, der nächste kreative Ort in Hildesheim in Sicht?
Nicht in den Dimensionen wie am Angoulêmplatz, das ist ein Riesenprojekt. Aber wir haben viele kleine kreative Orte, finde ich.
