Baudezernentin Döring erklärt Vorgehen

Keine Erkundungen nach neuem Fund: Misst die Stadt Hildesheim in der Dammstraße mit zweierlei Maß?

Hildesheim - Im Mai 2022 wurde unter der Dammstraße in Hildesheim ein Gewölbe samt Hohlraum entdeckt – die Stadt sperrte die Fahrbahn daraufhin, weil sie Einsturzgefahr sah. Nun ist auch im Osten ein Hohlraum gefunden worden. Hier aber sieht die Stadt kein Problem. Warum eigentlich?

In der Dammstraße wurden nun auch im Osten (rechtes Foto) Überreste der historischen Brücke gefunden – und auch ein Hohlraum, dessen Entdeckung auf der Westseite der Innerstebrücke im Mai 2022 (linkes Foto) zur Sperrung der Fahrbahn führte. Foto: Rainer Breda

Hildesheim - Wann die Dammstraße gesperrt wurde? Andrea Döring muss nicht eine Sekunde überlegen, die Baudezernentin kann das Datum wie aus der Pistole geschossen nennen: Es war der 24. Mai 2022, als Bauarbeiter in der Nähe der Bischofsmühle etwa 2,50 Meter unter der Fahrbahn einen Hohlraum unter einem Gewölbe entdeckten. Das stellte sich bald darauf als Teil der einzigen in Norddeutschland erhaltenen Steinbrücke aus dem Mittelalter heraus.

Doch an jenem Tag im Mai war es zunächst nur ein „Loch“ im Untergrund, erinnert sich Döring. Und zwar ein solch großes, dass die Stadt befürchtete, die Fahrbahn könnte einstürzen, weshalb sie diese sperrte. Das gilt bis heute und wird mindestens bis zum nächsten Frühjahr so bleiben.

Keine weiteren Untersuchungen nach dem Fund auf dem östlichen Teil der Dammstraße

Vor zwei Wochen nun sind Bauarbeiter, die am Wasserleitungsnetz der EVI beschäftigt waren, 100 Meter weiter stadteinwärts auf der östlichen Seite der Innerstebrücke ebenfalls auf Reste der historischen Brücke gestoßen. Und auch hier war unter dem dazugehörigen Gewölbe ein Hohlraum auszumachen. Doch in diesem Fall sieht die Stadtverwaltung die Verkehrssicherheit nicht gefährdet, sie hält derzeit auch keine weitere Untersuchungen für nötig.

Misst das Rathaus vielleicht mit zweierlei Maß – etwa, weil die Entdeckung weiterer Löcher im Untergrund zusätzliche Erkundungen nach sich ziehen müsste, die wiederum die Freigabe der Dammstraße weiter verzögen würden? Schließlich soll der Verkehr, wenn in voraussichtlich acht Monaten die gerade angelaufenen finalen Arbeiten auf der Westseite erledigt sind, nach dann insgesamt drei Jahren Zwangspause endlich wieder fließen.

Baudezernentin Andrea Döring versichert: Verkehrssicherheit sei für die Stadt Hildesheim das Allerwichtigste

Doch das spiele keine Rolle, versichert Döring gegenüber der HAZ. Das Allerwichtigste für sie sei die Verkehrssicherheit – und die sei auf der Ostseite gewährleistet, ist die Stadtbaurätin sicher. „Wenn unsere Experten im Baudezernat sagen würden, die Fahrbahn wäre so wackelig wie damals auf der Westseite und es wären weitere Untersuchungen oder sogar eine Sperrung nötig, würden wir das machen – das ist doch keine Frage.“ Doch beides sei nicht erforderlich, betont Döring – und beruft sich dabei vor allem auf Nils Rühmann, den Chef des Fachbereichs Tiefbau.

Nach dessen Angaben gibt es zwischen den Funden auf den beiden Seiten der Innerste-Brücke einen „drastischen Unterschied“. So habe die Fahrbahn an der Stelle im Osten, wo in der EVI-Baugrube jetzt die historische Brücke zu sehen war, einen ganz anderen Aufbau: Es gebe eine etwa 20 bis 25 Zentimeter („das ist geschätzt“) breite bituminöse Schicht. Diese sei wegen ihrer Dicke deutlich tragfähiger als jene auf der Westseite, die höchstens fünf bis sieben Zentimeter betragen habe. Außerdem sei dort der Untergrund „viel unsortierter“ gewesen als der im Osten, erklärt Döring. Zudem habe es sich dort nur um einen kleinen Hohlraum gehandelt, argumentiert Rühmann, im Westen aber um ein „großes Loch“.

Fachbereichsleiter ist sicher: Es gibt keinen Grund zur Sorge

Und vor allem: Auf der Westseite habe damals ein Bagger in die Brückensubstanz eingegriffen, erinnern die beiden Verwaltungsvertreter. Auf der Ostseite sei das dagegen nicht passiert, die Brücke also nicht tangiert worden. Und damit das so bleibe, habe die EVI ihre Arbeiten extra um einige Meter nach Osten verschoben, berichtet Rühmann. Dadurch gewinne man auch zusätzliche Erkenntnisse über den Straßenaufbau dort.

Doch Rühmann ist ohnehin sicher: So lange sowohl der übrige Straßenraum als auch die Brücke selbst unangetastet blieben, gebe es kein Anlass, sich um die Verkehrssicherheit auf der Ostseite zu sorgen. „Und ich muss meinen Fachleute glauben, wenn sie sagen, dass die Straße hält“, sagt Döring. Diese Meinung werde zudem von externen Experten geteilt.

Doch ist es nicht gewagt, aus dem Einblick in den Boden, den die Arbeiten der EVI auf einer begrenzten Quadratmeter-Fläche bieten, einen Rückschluss auf den Zustand der übrigen Fahrbahn zwischen der Ostseite der Innerste-Brücke und dem Roemer- und Pelizaeus-Museum zu ziehen? Nein, meint Döring. Und reagiert mit einer Gegenfrage: „Wieso sollte denn der Straßenaufbau an anderen Stellen dünner sein als dort, wo die EVI im Einsatz ist?“ Risse im Asphalt jedenfalls reichten nicht, um die Tragfähigkeit in Frage zu stellen.

Stadtbaurätin sagt: Sie wolle weitere Untersuchungen –aber eben nur nicht jetzt

Eine Methode, um auf Nummer sicher zu gehen, könnten Georadar-Untersuchungen sein. Zu solchen hat auch das Landesamt für Denkmalpflege der Stadt im Vorfeld der geplanten Fahrbahnsanierung und des Neubaus der Innerste-Brücke geraten, wenn diese in einigen Jahren – Döring spricht von acht bis zehn – anstehen. Die Erkundungen könnten der Stadt wichtige Erkenntnisse über mögliche archäologische Funde, aber auch weitere damit verbundene Hohlräume liefern. Sie wolle diese Erkenntnisse und entsprechende Untersuchungen ja auch, betont die Dezernentin. „Aber nicht jetzt, sondern erst dann, wenn die anderen Vorhaben anstehen.“ Sie verlasse sich auf ihre Fachleute, die ihr sagten, die Straße halte bis dahin.

Dennoch werde die Verwaltung den Bereich, in dem die EVI die Brückenausläufer entdeckt hat, nun regelmäßig in Augenschein nehmen, kündigt Fachbereichschef Rühmann an. Und wenn die Stadt dabei wider Erwartungen doch Versackungen feststelle, werde sie handeln und die Fahrbahn sperren. „Niemand will hier Menschen gefährden, niemand geht ein Risiko ein.“

Baudezernentin ist froh über Einschätzung ihrer Experten: „Ich möchte jetzt nicht die nächste Baustelle“

Die Stadt genüge ihre Verkehrssicherungspflicht, versichern die beiden Verwaltungsvertreter. Aber etwaige Schäden ließen sich bei Straßen nie zu 100 Prozent ausschließen. Man habe das Risiko in der Dammstraße jedoch ganz genau bewertet, erklärt Döring.

Die Stadtbaurätin macht im übrigen keinen Hehl daraus, dass sie froh über die Einschätzung ihrer Experten ist. Denn natürlich fände sie es misslich, wenn nun weitere Arbeiten erforderlich wären: „Ich möchte jetzt nicht die nächste Baustelle aufmachen.“ Nun sollten erst einmal in Ruhe die Arbeiten auf der Westseite der Innerstebrücke erledigt werden, dann stünden die nächsten Projekt für das Baudezernat an: „Wir haben viel vor der Brust – und das Personal wird auch nicht mehr.“

Skepsis unter Politikern

Teile der Stadt-Politik sind offenkundig nicht restlos von der Argumentation des Baudezernats überzeugt – Döring hatte diese jüngst im vertraulich tagenden Verwaltungsausschuss vorgetragen. Er sei zwar froh, dass die Entdeckung der Brückenreste auf der Ostseite zu keinen weiteren Verzögerungen führe, sagte CDU-Fraktionschef Dennis Münter der HAZ. Doch die Stadt gehe angesichts der Erkenntnis, dass es auch dort einen Hohlraum unter der Fahrbahn gebe, durchaus ein Risiko ein. Allerdings müssten sich die Politiker auf die Einschätzung der Verwaltung verlassen: „Das sind die Experten.“

SPD-Fraktionschef Stephan Lenz sieht das genauso: Die Spezialisten säßen im Rathaus – er als ehrenamtlicher Ratsherr könne nicht beurteilen, ob der Umgang der Verwaltung mit dem neuen Fund wirklich ein Risiko darstellen.

Landesamt rät Stadt: Sofort untersuchen

Für Dr. Markus C. Blaich vom Landesamt für Denkmalpflege stand schon nach dem ersten Blick auf den Gewölberest auf der Ostseite der Dammstraße fest: Es handelt sich ebenfalls um einen Teil der 850 Jahren alten Brücke, deren westlicher Ausläufer vor zweieinhalb Jahren nahe der Bischofsmühle entdeckt worden ist. Doch während das Landesamt dort darauf hinwirkte, die komplette Südseite des Bauwerkes freizulegen, erklärte sich Blaich nun im Osten damit einverstanden, die Baugrube ohne weiteren Erkundungen zuschütten zu lassen – aber warum? Weil die Brücke bei den Arbeiten nicht tangiert worden sei und dies angesichts des Vorgehens auch so bleibe, erklärt der Experte.

Der rät allerdings der Stadtverwaltung, das Gelände rund um die neue Fundstelle per Georadar untersuchen zu lassen. Und zwar, anders als das Baudezernat es plant, bereits jetzt und nicht erst in einigen Jahren, wenn die Sanierung der Fahrbahn und der Neubau der Innerstebrücke anstehen. Er halte dies sowohl aus archäologischen Gründen als auch mit Blick auf die Tragfähigkeit der Dammstraße für geboten, sagte Blaich am Donnerstag der HAZ. „Das kann der Stadtverwaltung mehr Klarheit darüber verschaffen, was sie dort erwartet.“ Das Landesamt könne die Verantwortlichen im Hildesheimer Rathaus allerdings nicht dazu anweisen; dazu gebe es keine juristische Grundlage, betont der Vertreter des Landesamtes.

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