Nordstemmen/Hannover - Es war ein Abschied mit Wehmut: Nach dem „Wintermärchen“-Event schloss die Marienburg Anfang des Jahres ihre Tore. Bis voraussichtlich 2030 sollte das sanierungsbedürftige Welfenschloss für den Besucherverkehr gesperrt bleiben.
Jetzt könnte es jedoch ganz anders kommen: Die Stiftung Schloss Marienburg will als Eigentümerin gemeinsam mit dem Landesmuseum Hannover ein „Publikumsangebot für die Bauphase“ entwickeln. „Nach Möglichkeit soll eine Teilöffnung der gefahrlos nutzbaren Teile des Schlosses noch in diesem Jahr erfolgen“, teilt das Niedersächsische Kulturministerium mit. So könnten etwa der Nordflügel und der Innenhof wieder zugänglich gemacht werden.
Die neue Entwicklung ist auch das Resultat eines langen Machtkampfes hinter den Kulissen: Die Stiftung, in der das Kulturministerium den Ton angibt, hatte sich mit der Betreibergesellschaft des Pächters Nicolaus von Schöning ein dramatisches Tauziehen um das Vermarktungskonzept für die Burg geliefert. Jetzt haben beide Seiten den Pachtvertrag „einvernehmlich aufgehoben“, wie es in einer knappen Pressemitteilung heißt. Detaillierter wollen sich die Beteiligten nicht äußern.
Welfenschloss: Burg verliert Pachteinnahmen
Klar ist jedoch, dass die Stiftung ihre wichtigste Einnahmequelle verliert, wenn sie dem Pächter jetzt den Stuhl vor die Tür setzt: Bislang war der umtriebige Burgbetreiber vertraglich verpflichtet, der Stiftung jährlich mindestens 65.000 Euro Pacht zu zahlen – und das, obwohl ihm die wichtigsten Räume der Burg schon im vergangenen September wegen vermeintlicher Einsturzgefahr behördlich gesperrt worden waren. Grundlage dafür war eine umstrittene baufachliche Stellungnahme gewesen.
Der Pächter hatte sich darauf entschieden, die Burg zum Beginn des Jahres 2024 komplett zu schließen und mehr als 70 Beschäftigte zu entlassen. Ein Betrieb allein des Restaurants und des Museumsshops im nicht gesperrten Nordflügel sei nicht rentabel, erklärte er.
Die Stiftung verliert mit der Kündigung jetzt aber nicht nur die Pachteinnahmen. Sie muss von Schöning auch eine Abfindung für das Inventar zahlen. Dem Vernehmen nach soll es um mehrere Hunderttausend Euro gehen. Außerdem muss sie künftig selber für stattliche Versicherungskosten aufkommen. Sollte die chronisch klamme Stiftung sich selbst auflösen müssen, fiele die im Unterhalt kostspielige Burg satzungsgemäß an das Land Niedersachsen. Langfristig könnte aus dem Schloss dann eine Art Landesmuseum werden.
Steuergeld für die Burg
Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass nach Kündigung des Pachtvertrages mehr Steuergeld als bisher in die Burg fließen wird: Die Stiftung hat einen Antrag auf Unterstützung gemäß Denkmalschutzgesetz gestellt und prompt eine Förderung in Höhe von zunächst 90.000 Euro erhalten. Die angekündigte Teilwiedereröffnung der Burg ist auch ein Versuch, wenigstens einen Teil der laufenden Kosten zu decken.
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Der Stiftungsrat muss nun entscheiden, ob er einen neuen Pachtvertrag – womöglich sogar mit dem alten Pächter zu neuen Konditionen – schließt. Ein solcher könnte sich auch auf punktuelle Events wie etwa das „Wintermärchen“ beziehen. Alternativ könnte die Stiftung aber die nicht gesperrten Räume, deren Betrieb der Unternehmer von Schöning für unrentabel hielt, auch in Eigenregie bewirtschaften.
Daneben hat die Stiftung noch eine weitere Einnahmequelle in Aussicht: Nachdem auf der Burg schon 2022 Aufnahmen für die Amazon-Prime-Serie „Maxton Hall – Die Welt zwischen uns“ gedreht worden waren, will eine Filmfirma das pittoreske Schloss im kommenden Sommer erneut als Kulisse nutzen. „Die projektierten Filmaufnahmen dienen dazu, der Stiftung möglichst schnell zu eigenen Einnahmen zu verhelfen“, erklärt das Kulturministerium unumwunden.
Neue Filmarbeiten geplant
Allerdings sind die Dreharbeiten nicht ohne Weiteres möglich, denn auch für das Filmteam gilt bislang die Sperrung der Räume durch die Bauaufsicht. „Um eine temporäre Nutzungsgenehmigung beantragen zu können, werden aktuell entsprechende Untersuchungen in einem eng begrenzten Teil des Schlosses durch ein Fachunternehmen durchgeführt“, erklärt ein Ministeriumssprecher. Die Kosten dafür trage die Produktionsfirma.
Nach Auskunft des Ministeriums zeichnet sich allerdings ab, dass auch Teile des Tragwerks, die bislang als nicht geschädigt galten, akut gefährdet seien. Vor möglichen Filmarbeiten müsste die Standsicherheit daher durch „Notmaßnahmen“ hergestellt werden. Ob und wie genau die Dreharbeiten über die Bühne gehen können, ist also noch unklar.
Die Marienburg, die Hannovers letzter König Georg V. um 1860 bauen ließ, soll in den kommenden Jahren im großen Stil saniert werden. Dafür haben Bund und Land schon vor mehr als vier Jahren insgesamt gut 27 Millionen Euro bewilligt. Kulturminister Falko Mohrs hatte den Beginn der Baumaßnahmen für „das erste Halbjahr 2024“ in Aussicht gestellt. Ob sich das halten lässt, wird sich zeigen: Bislang hat sich auf der Burg noch kein Handwerker an die Arbeit gemacht.
Von Simon Benne
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